Ich setze die Pille ab. Und die erste Idee, die mir kommen würde, würde eine Freundin das zu mir sagen, wäre: Sie möchte ein Baby.

Also: Habe ich einen Kinderwunsch?

Nein. Nein! Das ist wirklich das letzte, was ich möchte. Aber um  das sagen zu können, bedufte es eines langen und schmerzhaften Prozesses.

Früher, als das Kinderthema noch in weiter Zukunft lag, so zwischen Pubertät und Mitte Zwanzig, war ich mir sicher, dass ich irgendwann Kinder bekommen würde. Irgendwann halt, in einer Zukunft, die noch so weit entfernt war, dass ich mir keine ernsthaften Gedanken darüber machen musste. Meine Vorstellungen von meinem Mutter-Sein schwankten zwischen „den Mann fürs Leben finden, glückliche Hausfrau sein“ und „auf jeden Fall alleinerziehend sein, um in Fragen des Namens und der Erziehung keine Kompromisse machen zu müssen“.

Und dann kam ich in das Alter, in dem

  • andere Menschen aus Freundes- und Bekanntenkreis Kinder bekamen,
  • das Thema Kinderwunsch auf Partys nicht mehr gänzlich abwegig war, von Familienfeiern ganz zu schweigen, und
  • meine Verwandten das Wechseln meiner Beziehungspartner alamiert betrachteten: War das jetzt nicht derjenige, der Enkel/Großnichten hätte schenken können?

Auf einmal konnte ich den Gedanken ans Kinderkriegen nicht mehr vor mir herschieben. Und aus der vermeintlichen Sicherheit, Kinder zu wollen, aber erst in ferner Zukunft, wurde eine Unsicherheit. Diese Zukunft begann jetzt und brauchte eine Entscheidung. Denn mein Gefühl dazu war kein fröhliches „Ja!“, sondern ein mulmiges „Oha.“.

Aus mir selbst heraus war wohl, von heute aus betrachtet, relativ schnell klar, dass ich keine Lust auf (eigene) Kinder habe. Aber bei solch einer Entscheidung ist mensch ja nicht allein beteiligt, nein, da bilden sich neben Verwandten, Freunden, (entfernten) Bekannten auch gänzlich Unbekannte (in der Presse zum Beispiel) ein, ein Wörtchen mitreden zu dürfen. Und viele sangen folgendes Lied: „Wenn das Baby ersteinmal da ist, wirst du es abgöttisch lieben. / Du wirst dann erst wissen, was es heißt, eine Frau zu sein. / Dein Leben ist erst dann erfüllt und hat eine Bedeutung. / Wenn du dich dagegen entscheidest, wirst du es später bereuen. / Sonst bist du im Alter allein! / Gerade Akademiker*innen müssen Kinder bekommen!“

Alle diese „Argumente“ haben diesen Namen nicht verdient und setzen gerade Frauen unter großen Druck. Letzteres ist außerdem Klassismus in seiner Reinform, also Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft oder der sozialen Position, AFD lässt grüßen. Auch mich ließen diese Sätze sehr ängstlich werden. Vor allem die Themen Bereuen und Verpassen fielen auf einen guten Nährboden.

Um mich zu wappnen im Entscheidungsprozess, wollte ich auch andere Stimmen hören. Dafür las ich ein paar Bücher: das oben abgebildete „Die Uhr, die nicht tickt: Kinderlos glücklich, eine Streitschrift“ von Sarah Diehl, „Und jetzt alle noch mal aufs Klo: Wie meine beste Freundin Mutter wurde“ von Judith Luig und „No Kid: 40 Gründe, keine Kinder zu haben“ von Corinne Meyer. Desweiteren beschäftigte ich mich mt der Frage der regretting motherhood (Orna Donath bezeichnet in ihrer gleichnamigen Studie mit diesem Begriff Mütter, die bereuen, Mutter geworden zu sein und die die Rolle als Mutter negativ erleben – auch, wenn sie ihre Kinder lieben).

Außerdem  suchte ich mir role models, also Frauen aus meinem Umfeld, die keine Mütter sind und entweder nie Mutter werden wollten oder die Entscheidung zumindest nicht bereuen. Ich sah mir ihr Leben an, worin sie Erfüllung finden und wie sie im Alter ihr soziales Netz aufrecht erhalten. (Vielen Dank an dieser Stelle an die Grande Dame des Hamburger Amateurtheaters und meine ehemalige Chefin!) Auch über jede Freundin mit der gleichen Entscheidung bin ich froh, denn manchmal muss mensch sich gegenversichern, nichts Falsches zu tun.

Und obwohl ich mich immer noch mit manchen Fragen herumschlage – Was bleibt von mir nach meinem Tod? Wie sinnhaft muss ich mein Leben gestalten und wie viel Hedonismus ist ok? Bedeutet die Entscheidung gegen Kinder automatisch die für eine steile Karriere? Wie werde ich im Alter leben? – habe ich meine Entscheidung getroffen: ich werde keine Kinder bekommen. Dafür musste ich mich verabschieden von möglichen Kindern und von meiner Rolle als Mutter. Und ich musste (und muss, denn ich bin noch einige Jahre lang im gebärfähigen Alter) mich den Meinungen anderer entgegenstellen. Beides schmerzhafte Prozesse.

Nun aber zurück zur Ausgangsfrage: Setze ich die Pille ab, um schwanger zu werden? Nein. Warum ich sie dennoch absetze, dazu mehr im nächsten Post.

 

Wie geht ihr mit dem Thema Mutterschaft um? Habt ihr schon Kinder, überlegt ihr noch oder ist für euch die Sache klar? Lasst es mich gerne in den Kommentaren wissen.